
Auszug aus dem bauhistorischer Kurzbericht von Simon Dirk Schmidt
Nachdem ein Abbruchantrag des Wohnstallhauses vorgelegt wurde, veranlasste das BLfD im Sommer 2024 eine bauhistorische Begutachtung. An einem Tag im August wurde das Gebäude begangen und im Rahmen einer dendrochronologischen Untersuchung mehrere Bohrkerne entnommen.
Im Folgenden werden Auszüge aus dem Bauhistorischen Kurzbericht wiedergegeben. Sie geben Einblicke in Untersuchung und die daraus gewonnen Erkenntnisse. Eine davon: Das Wohnstallhaus ist weit älter als bisher angenommen.
Der Listentext aus der Akte lautete bisher: „Ehem. Wohnstallhaus, eingeschossiger und traufständiger Satteldachbau mit Blockbauteilen und Kniestock, Mitte 19. Jh.“
Für den mit dem heutigen Wohnteil (…) ist (…) unter Vorbehalt eine Datierung ins letzte Viertel des 16. Jahrhunderts anzunehmen.
„Die Gestalt des Wohnstallhauses geht auf mehrere Bau- und Umbauphasen zurück. Für den mit dem heutigen Wohnteil (…) ist (…) unter Vorbehalt eine Datierung ins letzte Viertel des 16. Jahrhunderts anzunehmen. Wohl im späten 18. / frühen 19. Jahrhundert wurde dem Wohnteil unter Zweitverwendung älterer Hölzer ein Stall angebaut, der vor allem um 1900 durchgreifend verändert wurde. (…) Wohl auch im späten 18. / frühen 19. Jahrhundert erfolgte der Anbau des nördlich abknickenden, in den 2000er Jahren abgebrochenen Wirtschaftsgebäudes. Ein Umbau um 1900, bei dem – wie zu dieser Zeit im Bayerischen Wald typisch – das Dach über Stall und Wohnteil für die Ein-deckung von Doppelmuldenfalzziegeln statt der regionaltypischen Holzschindeln aufgesteilt, ein preußisches Kappengewölbe im Stall eingebaut und die Stubenaußenwände versteinert wurden, stellt den größten Eingriff in die überkommene Bausubstanz dar. In den 1960er Jahren wurde in den Stall ein Bad eingebaut.
Der Kernbau des Wohnstahllhauses ist ein annähernd 8x8m umfassender, quadratischer Kantholzblockbau mit Schwalbenschwanzeckverzinkungen, dem sich heute nördlich ein 8m breiter und 6m langer Stall anschließt. Die Raumdisposition des Kernbaus beschränkt sich auf die Minimalanforderungen eines Wohnhauses: neben dem Fletz mit (abgegangener) Herdstelle, enthält es noch eine beheizte Stube und eine Kammer. Die Wirtschaftsgebäude der ursprünglichen Hofanlage standen wohl frei um das Wohnhaus herum. (...)
Während die Außenwände der Stube und die Nordwand in verschiedenen Bauphasen massiv erneuert wurden, sind Teile der südlichen Blockwand, die vollständige östliche Blockwand sowie ein Großteil der Innenwände und die vollständige deckenbalkenlage erhalten. (…) Ohne Sondagen ließ sich ebenfalls der westliche bauzeitliche Türstiel der niedrigen, breiten Stubentür nachweisen, sodass davon auszugehen ist, dass die ursprüngliche Raumaufteilung und Erschließung des Kernbaus seit seiner Erbauung nicht verändert wurden. Im Erdgeschoss haben sich auch Vierfeldertüren aus der Zeit um 1900 mit teilweise zweitverwendeten Beschlägen des 18. / 19. Jahrhunderts erhalten. (…) Die bauzeitliche Konstruktion des Hauses ist in weiten Teilen nachvollziehbar und hauptsächlich an den für Witterungsschäden anfälligen Außenwänden durch die Versteinerungsphasen des 18. Jahrhunderts (Bruchstein, Nordwand Stall) und um 1900 (Backstein, Südwand Stube, West-wand) gestört. (…)
Außergewöhnlich und ein Schlüsselbefund für die mögliche Frühdatierung des Hauses ist der An-schluss der Decken an die Außenwand: Die Bohlen liegen auf einem Rücksprung in der Blockbohle auf. Die genaue konstruktive Ausbildung des Rücksprungs muss noch untersucht werden. In anderen ost-bayerischen Blockbauten des 15. / 16. Jahrhunderts wird dieser Rücksprung durch eine Verbreiterung des Blockbalkens realisiert, auf dem die Bohle aufliegt (…)
Beim Brand wurden das erneuerte Pfettendach über dem Kernbau sowie die Treppe ins Erdgeschoss zerstört. Die nördlichen Teile des Kniestocks und Teile der (wohl erneuerten) Bohlen über dem Fletz wurden beschädigt, der Kniestock ist als reparaturfähig einzuschätzen. Der bauhistorisch interessante Kernbestand des Hauses ist somit durch den Brand kaum geschädigt worden. Problematisch ist das offene Dach, das bei nicht erfolgender Notsicherung zu schwerwiegenden Folgeschäden an der Holzkonstruktion führen wird. Die abgehängte Decke in der Stube und die Bretterdecke in der Kammer sind bereits jetzt völlig durchfeuchtet. (…)
Der Stall wurde wohl im späten 18. / frühen 19. Jahrhundert an das bis dahin als Solitär stehende Wohnhaus angefügt. Das Erdgeschoss des Stalls wurde in Bruchsteinmauerwerk errichtet (Abb.16), mit dem Bau des Stalls wurde wohl auch die nördliche Blockaußenwand – nun Trennwand zwischen Wohn- und Stallteil – massiv in Bruchstein erneuert. Dabei wurde wohl auch die Stube mit einem in Bruchstein gesetzten Tonnengewölbe teilunterkellert. Über dem massiven Erdgeschoss geht ein gerade einmal drei bzw. vier Blockbalkenlagen umfassender Blockbauknie-stock auf, dessen zum Teil in Zweitverwendung verbaute Hölzer mit Vorstößen überkämmt sind. (…)
Beim Brand wurde das Dachgeschoss des Stalls vollständig zerstört. Die Außenwände sind wei-testgehend durchfeuchtet, die sehr weich gebrannten Ziegelsteine der Nordwand lösen sich auf.
(…) Vorbehaltlich der endgültigen Ergebnisse der dendrochronologischen Untersuchung scheint der wohl aus dem vierten Viertel des 16. Jahrhunderts stammende Kernbau (…) zu den ältesten erhaltenen Wohnhäusern im Bayerischen Wald zu gehören.“
Seehof, 23.08.2024