Ein Artikel von Anica Mayer und Florian Boisseree
Bei denkmalgeschützten Kirchen sind Umnutzungen nur im Rahmen strenger Vorgaben möglich und erfordern eine sorgfältige Abwägung zwischen Substanzerhalt, funktionaler Anpassung und Wirtschaftlichkeit. Gerade Kirchen der Nachkriegsarchitektur bringen dabei spezifische konstruktive und gestalterische Eigenschaften mit sich, die sowohl Herausforderungen als auch Potenziale eröffnen. Ihre oft großen Raumvolumen, einfachen Strukturen und materialtypischen Besonderheiten beeinflussen maßgeblich die Umnutzungsmöglichkeiten. Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden ausgewählte Beispiele unterschiedlicher Nutzungsarten vorgestellt. Der Fokus liegt dabei auf Kirchen der Nachkriegszeit und deren Transformation im Sinne aktueller Anforderungen.
Die 1962 von den Architekten von Chamier und Grundmann errichtete Kirche St. Christophorus in Essen-Kray wurde zu einem Archiv mit nachhaltigem Klimakonzept umgenutzt. Die äußere Klinkerfassade blieb erhalten, während im Innenraum freistehende Stahlkonstruktionen für Archivregale integriert und zusätzliche Fundamente zur statischen Sicherung eingebracht wurden. Das ehemalige Pfarrheim dient heute als Büro-, Verwaltungs- und Bibliotheksbereich, der frühere Haupteingang wurde zur Anlieferungszone umfunktioniert. Ein zentrales Merkmal ist das natürliche Klimakonzept, bei dem das erforderliche Raumklima ohne Vollklimaanlage durch Lüftung, Heizung und die Speichermasse des Gebäudes gewährleistet wird.
Auch andere Kirchen der Nachkriegszeit wurden erfolgreich gewerblich umgenutzt, etwa die ehemalige St.-Bonifatius-Kirche in Münster als Medien- und Verlagshaus oder die Auferstehungskirche in Pernze, die heute als Trauerhaus genutzt wird.
Die zwischen 1955 und 1957 nach Plänen von Rudolf Schwarz errichtete Heilig-Kreuz-Kirche gilt als bedeutendes Beispiel der Nachkriegsarchitektur und steht seit 1988 unter Denkmalschutz. Der parabelförmige Grundriss folgt dem liturgischen Konzept des „Heiligen Wurfs“. Charakteristisch sind das Backsteinmauerwerk mit Stahlbetontragwerk, die großflächige Glasfassade von Georg Meistermann sowie die gezielte Lichtführung im Innenraum. Nach der Außerdienststellung 2008 und der Profanierung 2016 wurde das Gebäude zur Kulturkirche umgenutzt. Dabei blieben wesentliche Teile der Ausstattung erhalten, während die Kirche heute als Veranstaltungsort für Konzerte, Theater, Tanz sowie Tagungen und Seminare dient.
Auch andere Kirchen der Nachkriegszeit wurden kulturell oder bildungsbezogen umgenutzt, etwa St. Agnes in Berlin und St. Ursula in Kalscheuren als Galerien sowie St. Christophorus in Dittelsheim-Heßloch als Bibliothek.
Die Kreuzkirche in der Allerheiligenstraße wurde 1961–1962 errichtet und bis 2006 als Gottesdienststätte genutzt. Nach der Entwidmung wurde sie vom Deutschen Jugendherbergswerk erworben und zwischen 2007 und 2010 zur Jugendherberge „Pathpoint“ umgebaut. Der ehemalige Kirchenraum dient heute als Gemeinschaftsbereich, wobei einzelne Elemente wie Kanzel und Wandbild an die ursprüngliche Nutzung erinnern. Insgesamt umfasst das Hostel 161 Betten in 34 Zimmern sowie Gemeinschafts- und Selbstversorgungsbereiche und wird neben touristischen Zwecken auch zeitweise sozial genutzt.
Weitere Beispiele für Kirchen der Nachkriegsarchitektur mit Beherbergungs- oder Gastronomienutzung sind selten. Dies liegt vor allem am hohen baulichen und technischen Aufwand solcher Umnutzungen. Manschwetus (2022) zeigt in seiner Untersuchung, dass von 325 analysierten Kirchen lediglich 3,1 % einer gastronomischen oder beherbergungsbezogenen Nachnutzung zugeführt wurden.
Die 1959 errichtete Bethlehemkirche in Hamburg-Eimsbüttel ist ein Stahlbetonskelettbau mit Klinkerfassade und reduzierter Formensprache. Nach der Entwidmung 2005 wurde sie im Zuge einer Umnutzung zu einem Kindergarten weiterentwickelt. Dabei entstand eine „Haus-im-Haus“-Lösung, bei der ein zweigeschossiger Einbau in die bestehende Gebäudehülle integriert wurde, während Teile des Kirchenschiffs als Spielfläche erhalten blieben. Die ursprüngliche Bausubstanz blieb weitgehend erhalten, ergänzt durch zusätzliche Belichtungsmaßnahmen; auch liturgische Elemente wurden teilweise bewahrt und neu genutzt.
Soziale und gesundheitsbezogene Umnutzungen gelten als besonders naheliegend und machen einen bedeutenden Anteil der realisierten Projekte aus. Beispiele aus der Nachkriegsarchitektur sind die Kirche Heilige Familie in Oberhausen als Verteilerstelle der Tafel, die Athanasiuskirche in Hannover als Haus der Religionen, die St.-Matthäus-Kirche in Salzgitter als Integrationszentrum sowie St. Sebastian in Münster als Kindertagesstätte.
Die römisch-katholische Kirche St. Konrad in Rheine wurde 1961 errichtet und nach ihrer Profanierung 2009 zunächst verkauft. In den Jahren 2018–2019 erfolgte der Umbau zu einem Fitnessstudio, das heute unter dem Namen „TheChurch – Sports & More“ betrieben wird. Dabei blieb die bauliche Grundstruktur weitgehend erhalten, während die räumliche Wirkung in ein sportliches Nutzungskonzept überführt wurde.
Ein weiteres Beispiel ist die zwischen 1956 und 1959 errichtete Trinitatiskirche in Mannheim, die heute als Tanzhaus genutzt wird und damit einer freizeit- und kulturnahen Nutzung zugeführt wurde.
Die 1960/1961 errichtete Jesuskirche in Berlin-Kreuzberg wurde nach ihrer Entwidmung 2014 zu Wohnzwecken umgebaut. Der Stahlbetonbau mit prägnanten Fassadenelementen blieb in seiner äußeren Struktur weitgehend erhalten, während das Gebäude durch eine Aufstockung um zwei Geschosse erweitert und im Inneren grundlegend neu organisiert wurde. Es entstanden sieben Wohneinheiten mit offenen Grundrissen und großzügigen Verglasungen; Erschließungselemente wie Treppenhaus und Aufzug wurden in den Glockenturm integriert. Charakteristische Bauteile wie große Raumhöhen, Betonträger und Fensterflächen blieben sichtbar und verweisen weiterhin auf die ursprüngliche Nutzung.
Die Wohnnutzung zählt zu den häufigsten Umnutzungsformen und gewinnt angesichts des steigenden Wohnraumbedarfs zunehmend an Bedeutung. Beispiele aus der Nachkriegsarchitektur sind die Kirche Gerhard-Uhlhorn in Hannover als Studentenwohnheim, St. Mariä Himmelfahrt in Gescher als Seniorenresidenz, St. Elisabeth in Freiburg sowie St. Thomas Morus in Leverkusen, die ebenfalls zu Wohnzwecken umgenutzt wurden.
Die Lukaskirche in Essen-Holsterhausen wurde Ende der 1950er-Jahre als schlichter, kubischer Bau errichtet und im Zuge der Umnutzung grundlegend transformiert. Nach vollständiger Entkernung wurden neue Geschossdecken eingezogen, um eine wirtschaftliche und vielfältige Nutzung zu ermöglichen. Heute vereint das „Lukas-K-Haus“ eine Kindertagesstätte, Arbeits- und Gemeinschaftsräume sowie barrierefreie Wohnungen und steht damit für ein integratives Mehrnutzungskonzept. Prägende Elemente wie Verglasungen, Portal und Glockenturm blieben erhalten und wurden in die neue Nutzung eingebunden.
Weitere Beispiele für Mehrzwecknutzungen sind die Auferstehungskirche in Köln-Buchforst als Kombination aus Begegnungsraum und Pflegeeinrichtung, die Kapelle Neuenothe mit Wohnen, Atelier und Schulung sowie die Christuskirche in Marl mit Kolumbarium und Kindertagesstätte. Diese Projekte zeigen die große funktionale Vielfalt und die Möglichkeit, unterschiedliche Nutzungen innerhalb eines Kirchenbaus zu kombinieren.