Für die Beschäftigung mit unserer Umwelt als Ort beständiger Anpassung ist neben der Kenntnis über die natürlichen, materiellen und strukturellen Bedingungen eines Ortes, vor allem die Betrachtung des menschlichen Handelns in und mit dem Raum notwendig. Seitdem der Mensch sesshaft wurde prägte er den Raum durch Landnutzung und Bautätigkeit und schuf damit Orte. Infrastrukturen können Gebäude, Anlage und Systeme sein, die aus den Einzelbestandteile dieser Orte ein funktional und gestalterisch sinnvolles Ganzes machen. Infrastrukturen sind mehr als nur Straßen und Kanalisationssysteme, sie sind der Kern dessen, was einen Ort am Leben hält. Ein bedeutender Teil dieser Infrastrukturen baut auf den Errungenschaften und Innovationen der letzten Jahrhunderte auf.

Das Augsburger Wassermanagement-System baute sein System verzweigter Kanäle, das seit dem 19. Jahrhunderts den wirtschaftlichen Aufstieg der Reichstadt begründete, beispielsweise auf den Grundlagen des Mittelalters auf. Zu den sichtbaren Zeugnissen dieses Systems gehören die Wassertürme des Hochmittelalse und Brunnen des Barocks ebenso wie die Fabriken und Wasserwerke des 19. Jahrhundert. Innovation bedeutete über Jahrhunderte die Grundlagen der ortspezifischen Infrastrukturen zu kennen und zu weiter zu nutzen.

"Infrastrukturen sind mehr als nur Straßen und Kanalisationssysteme, sie sind der Kern dessen, was einen Ort am Leben hält. Ein bedeutender Teil dieser Infrastrukturen baut auf den Errungenschaften und Innovationen der letzten Jahrhunderte auf."

Grafische Darstellung der Bahnlinien und Wasserwege Ausgburgs
1. Augsburger Hauptbahnhof (1), Neuer Augsburger Bahnhof von 1846 (2), Bahnhof Hochzoll (3) und Oberhauser Bahnhof (4) © BLfD, Valerie Rehle

Mit der Bahn zur Zeitenwende

Infrastrukturdenkmäler verbinden Menschen, Orte und Ressourcen – oder taten dies in der Vergangenheit. Ihr Innovationswert liegt in ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung: Sie wurden für spezifische Funktionen errichten und bildeten für diesen Zweck spezialisierte Betriebssysteme aus. Dabei sind ihre Einzelbestandteile nicht immer sichtbar und meist bemerken wir die komplexen Zusammenhänge dahinter erst, wenn sie nicht mehr richtig funktionieren. Oft gerät in Vergessenheit, dass der Auf- und Ausbau dieser Infrastrukturen historisch eng verbunden ist mit grundlegenden gesellschaftlichen Errungenschaften: Die Einweihung des ersten Augsburger Hauptbahnhofes (1) am Roten Tor fällt Anfang des 19. Jahrhunderts beispielsweise mit dem Ausbau des ersten bayernweiten Streckennetzes – der Ludwig-Süd-Nord-Bahn – und der Einführung einheitlicher Zeitzonen in Europa zusammen. So veränderte die Bahn nicht nur die Landschafts-, sondern auch die Zeitwahrnehmung.

Strichzeichnung Trambahndepot
(1) Erster Bahnhof Augsburgs, heute Trambahndepot, im Hintergrund der SWA-Turm © BLfD, Nadine Engel

Knotenpunkt Augsburg

Bis in die 1930er Jahre wurde das Betriebssystem Eisenbahn so komplex, dass der Knotenpunkt Augsburg an der bis heute meistbefahrenen Strecke Deutschlands durch einen neuen Durchgangsbahnhof (1846) (2), Umstiegsstationen (z.B. Bahnhof Hochzoll) (3) und einen Entlastungsbahnhof ergänzt wurde: der Bau des Oberhauser Bahnhof 1932 (4) bildet den Endpunkt eines Jahrhunderts reger Bautätigkeit des Innovationsträgers Bahn. Für den Personenbahnverkehr sind alleine im Stadtgebiet Augsburg heute rund ein Dutzend Empfangsgebäude sowie Bahnbetriebs- und Nebengebäude als bauliche Ressource erhalten.

Bleistiftzeichnung Bahnhof Ausgburg
(2) Neuer Durchgangsbahnhof von 1846, heute Ausgburger Hauptbahnhof © BLfD, Nadine Engel
Strichzeichung Bahnhof Oberhausen
(4) Oberhauser Bahnhof von 1932 © BLfD, Nadine Engel

Schwarz weiß Bild eines Stellwerkes
Stellwerk in München-Laim © BLfD

Infrastrukturen sind auch heute Innovationsträger. In diesen Systemen beständiger Anpassung werden zukünftig nicht mehr alle Bauten der letzten hundert Jahre gebraucht. Stellwerke sind heute beispielsweise weitgehend zentralisiert und digitalisiert. Die kleinen Stellwerksgebäude, die vor hundert Jahren modernste Technologie beheimateten, stehen heute meist etwas verloren am Rand oder zwischen allen Schienen. Auch wenn die Weiter- und Umnutzung solcher Bausteine eines Systems oft komplex ist, macht das dahinterstehende Netzwerk ihre erfolgreiche Transformation besonders wertvoll. Ein Beispiel für so eine Transformation ist der SWA-Turm in Augsburg:

SWA-Turm Augsburg